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Rudolf von Ems: Weltchronik

Ein bedeutendes Geschichtsbuch der Stauferzeit

Die Weltchronik des Rudolf von Ems + Der Stricker: Karl der Große

Die Weltchronik des Rudolf von Ems + Der Stricker: Karl der Große umfasst knapp 600 Seiten und ist die erste Weltchronik in deutscher Sprache

Die Weltchronik des Rudolf von Ems, entstanden um 1255 im Auftrag des Stauferkönigs Konrad IV., behandelt die Geschichte der Welt von der Schöpfung über biblische und historische Ereignisse bis hin zu zeitgenössischen Begebenheiten des 13. Jahrhunderts. Damit verfasste er ein bedeutendes Geschichtsbuch des 13. Jahrhunderts und zugleich die erste Weltchronik in deutscher Sprache. Eine der zahlreichen herrlichen Miniaturseiten der prachtvollen Handschrift illustriert die biblische Erzählung von der Eroberung Jerusalems, und das auf wunderbar eindrückliche Weise. Eng an der Vorlage aus dem Alten Testament orientiert, spielt die kämpferische Szene in einem herrlich lebendig gestalteten Umfeld.

Die Eroberung Jerusalems: Folio 169v

Die Eroberung Jerusalems: Folio 169v

Die Eroberung Jerusalems: Folio 169v. Im ersten Buch der Chronik aus dem Alten Testament wird die Eroberung Jerusalems durch König David beschrieben und hier kunstvoll verbildlicht.

Im ersten Buch der Chronik aus dem Alten Testament (1 Chr 11, 4-7) heißt es: Und David und ganz Israel zogen hin nach Jerusalem, das ist Jebus; denn die Jebusiter wohnten dort im Lande. Und die Bürger von Jebus sprachen zu David: Du wirst nicht hereinkommen. David aber eroberte die Burg Zion, das ist Davids Stadt. Und David sprach: Wer die Jebusiter zuerst schlägt, der soll Hauptmann und Oberster sein. Da stieg Joab, der Sohn der Zeruja, zuerst hinauf und wurde Hauptmann. David aber wohnte auf der Burg, daher nennt man sie "Stadt Davids".

Heroische Eroberung der Stadt der Jebusiter

Diese Stadt Jebus ist heute bekannt als Jerusalem und die beschriebenen Ereignisse als die Eroberung Jerusalems durch König David. David wurde kurz zuvor zum König der Israeliter gewählt und herrschte damit über ganz Israel. Aus diesem Grund sollte auch Jerusalem von den feindlichen Jebusitern eingenommen werden. Deren Behauptung, unbesiegbar zu sein, wurde durch die Erstürmung der Burg Zion und die Einnahme der Stadt widerlegt. Im Kampf um Jerusalem, bis dahin die Stadt der Jebusiter, tat sich besonders Joab hervor. Dieser war der Heerführer König Davids und wird im Alten Testament an mehreren Stellen erwähnt. Fortan war Jerusalem die Hauptstadt des Königreichs Israel unter der Herrschaft von König David.

Die kunstvolle und durchdachte Komposition

Der Buchmaler hat diese biblische Szene wunderbar in den Text integriert. Die Burg Zion nimmt mit ihrem mächtigen Turm fast die gesamte rechte Bildhälfte ein, während auf der linken Seite die israelitischen Eroberer erst zwei Drittel der Höhe erklommen haben. Auf diese Weise bleibt dort über der Miniatur noch Platz frei für den Text. Der Miniaturist hat die Szene auf einen Hintergrund aus wertvollem Blattgold gebettet, der jedoch nur an wenigen Stellen zum Vorschein kommt. Umgeben wird die Miniatur von einem Rahmen in leuchtendem Blau und Rot, an den Ecken mit Blattgold geschmückt. Innerhalb dieser Bildbegrenzung spielt sich die buntfarbige, quirlige Szene ab. Die dreistöckige Burg ist aus grünen, grauen und rötlichen Steinquadern erbaut und mit Zinnen, Maßwerk- und Rundbogenfenstern geschmückt.

Gespanntes Kampfgeschehen vor den Mauern der Burg Zion

Aus diesen Fensteröffnungen heraus verteidigen die Jebusiter, in Kettenhemden, buntfarbigen Röcken und Helmen, mit Schwert und Schild, Pfeil und Bogen ihre Stadt. Sogar auf der zinnenbekrönten Spitze des Turms – über den Rahmen der Miniatur hinausreichend - stehen Krieger und versuchen mit Steinwürfen, die Angreifer fernzuhalten. Diesen ist es bereits gelungen, mithilfe einer gelben Leiter nah an die Mauern heranzukommen. Auf der Leiter steht der Anführer der Krieger, Joab, in rotem Rock und mit gelbem Schild. Hinter ihm am Boden wartet das schwerbewaffnete Heer König Davids mit erhobenen Schwertern auf den Kampf. Die gesamte Kraft der Verteidiger kommt in den ausgreifenden Gesten zum Ausdruck, ebenso wie der Siegeswille der Angreifer. So gelingt es dem Miniaturisten wunderbar, den Inhalt der biblischen Erzählung zu vermitteln. Die Miniatur zur Eroberung Jerusalems unter König David in der Weltchronik des Rudolf von Ems führt die ganze Spannweite der Buchmalerei des Mittelalters und insbesondere der Stauferzeit vor Augen.