Miniatures in Detail
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Vatican Office of the Virgin

Ein silbernes Meisterwerk aus dem Vatikan

Das Offizium der Madonna

Das Offizium der Madonna aus der vatikanischen Bibliothek ist mit einem silbernen Prunkeinband geschmückt und mit 34 meisterlichen Miniaturen versehen.

Das Offizium der Madonna wurde im frühen 16. Jahrhundert vom Davidmeister aus dem Breviarium Grimani in Brügge angefertigt. Es enthält 34 hochwertige, ganzseitige Miniaturen und unzählige Schmuckinitialen. Die kunstvollen Bordüren der Miniaturen sind typische für die berühmte belgische Buchmalerei. Durch die Verwendung von verschieden bearbeitetem Gold wird jedes Bild des Buches zum kostbaren Meisterwerk.

Offizium der Madonna – Folio 38 verso: Die stillende Muttergottes

Offizium der Madonna: Die stillende Muttergottes

Offizium der Madonna - Folio 38 verso: Die stillende Muttergottes

Ein Bild innigster Verbundenheit: Maria mit entblößter Brust, das Jesuskind in ihren Armen haltend. Diese Darstellung einer sogenannten Maria lactans, der stillenden Maria, bildet das Zentrum der herrlichen Miniaturseite aus dem Offizium der Madonna, einem herausragenden Werk der Brügger Buchmalerei des frühen 16. Jahrhunderts. Sofort ins Auge stechendes Merkmal dieser Zeit ist die grandiose Architekturbordüre, die die zentrale Szene wie ein Rahmen umgibt. Die Miniaturseite beeindruckt durch ihre schlichte Eleganz – es sind nur die vier Farben Rot, Blau, Weiß und Ocker verwendet worden -, die die beeindruckende Meisterschaft der Buchmalerei zur Geltung bringt.

Ein inniges Bild mütterlicher Liebe

Die Madonna ist in einem Halbfigurporträt vor leuchtend rotem Hintergrund gezeigt. Auf ihren Händen trägt sie das nackte Christuskind. Beide Figuren sind in einem Strahlenkranz aus feinen goldenen Linien rund um die Köpfe dargestellt. Maria ist gekleidet in den typischen blauen Mantel, der an den Borten kostbar mit Goldstickereien verziert ist und an den Ärmelaufschlägen Pelzverbrämungen hervorblitzen lässt. Ein weißer Schleier scheint wie eben verrutscht und gibt den Blick auf die Haare preis. Ihre Stirn schmückt ein zierliches Band über den langen, rotblonden Haaren. Das leuchtend rote Untergewand lässt eine Brust der Maria unbedeckt, wie bei einer stillenden Mutter. In ihren Armen liegt, nur notdürftig mit dem weißen Tuch des Schleiers bedeckt, das völlig nackte Jesuskind. Dieses verhält sich passenderweise wie ein Säugling und ergreift hungrig die Brust der Mutter.

Eine architektonische Vision, an realen Vorbildern orientiert

Die Präsentation der Miniatur vor rotem Hintergrund wirkt, als ob ein rotes Tuch mit dem Porträt der Maria mit Kind in einem sakralen Raum von der Decke hängen würde. Diese Tatsache lenkt den Blick des Betrachters auf die herrliche Rahmung, die Architekturvision eines kunstvollen gotischen Sakralraums. Es wird ein dreidimensionaler Raum suggeriert, in dessen Mitte wie in einem Durchgang ein Brunnenbecken steht. Dieses Taufbecken ist umgeben von acht Rundsäulen. Links und rechts des Beckens streben auf zwei Mauern prachtvolle Säulen und feine Dienste nach oben, die Fensterbögen bilden und somit ganz in der Tradition der gotischen Architektur stehen. Die luftige und lichte Architekturvision gibt den Blick frei auf den leuchtend blauen Hintergrund.

Zur Ehre Gottes

In den Bögen der ersten Etage – links der Madonna zwei, rechts einer – steht jeweils ein weißer Engel hinter der halbhohen Brüstung. Die Engel mit prächtigen Flügeln halten in ihren Händen Bücher und Musikinstrumente, um so dem Herrn zu singen und zu jubilieren. Über ihnen befinden sich rechts und links jeweils ein rundes Medaillon, das linke einen knienden, betenden Mönch zeigend, das rechte dagegen eine abgeschnittene, nicht erkennbare Figur. Hinter dem Brunnen und größtenteils verdeckt durch die Madonna erstreckt sich die Architektur weiter, bestehend aus einem mittigen Gitter, Nischen und Säulenbündeln. Nach oben hin schließt die Architekturvision mit einem überaus kunstvollen und detailreichen Gesims und zwei ebenso großartigen Spitzbogenfenstern ab.

Elegante Schlichtheit im Kontrast mit großartiger Kunstfertigkeit

Diese prachtvollen architektonischen Bordüren – ausgestattet mit feinem gotischem Ornament und Maßwerk - sind typisch für die Buchmalerei des frühen 16. Jahrhunderts in Brügge. Auf diese Weise wird der Malerei Perspektive verliehen. Dies geschieht in der Miniaturseite der Maria lactans im Offizium der Madonna zusätzlich durch den gefliesten Boden, der die Fluchtlinien beschreibt. Der architektonische Rahmen der Miniatur ist auf elegante Weise monochrom in Ocker und Gold gehalten und bringt so die grandiose Miniatur der Maria lactans auf rotem Grund eindrucksvoll zur Geltung.